Warum Hofrat Suess keine AGBs braucht

Warum Hofrat Suess keine AGBs braucht

geschrieben von hofrat
Stadtrecht von Gortyn, Kreta

Nachdem wir diesen Juli ein paar intensivere und teilweise schwierige Projekte abgeschlossen hatten, fiel uns eher nebenbei auf, dass wir noch keine Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB bzw. Terms of Service (ToS)) haben. Bald zwei Jahre Hofrat Suess, ohne uns und unsere Geschäfte rechtlich abzusichern - das schien uns plötzlich doch etwas unverantwortlich.

Was tun… Erst mal schauen, was die anderen machen. Also suchten wir nach den AGBs ähnlicher Schweizer Dienstleister. Bei einigen wurden wir fündig, bei anderen nicht – das machte uns stutzig. Warum haben grosse Agenturen ihre AGBs nicht auf ihrer Website veröffentlicht? Anfänger! Nachdem wir ein paar gute Exemplare ausfindig gemacht hatten, die verständlich formuliert waren und inhaltlich etwa unsere Ansprüche widerspiegelten, holten wir unseren Dr. Frankenstein hervor. Hier einen Absatz und dort einen Paragraphen rausnehmen, etwas umformulieren und ergänzen. Über Perlen wie...

Gerät der Kunde in Konkurs oder stirbt er, so ist [insert agency name here] berechtigt, sofort vom Vertrag zurückzutreten; der Kunde schuldet auf jeden Fall die Vergütung…

...haben wir geschmunzelt. Schlussendlich hatten wir ein Dokument mit acht Seiten, mehr als 2500 Wörtern, elf Paragraphen, einem Anhang und waren stolz darauf. Aber ob es hieb- und stichfest war, wussten wir nicht. Leider (oder zum Glück) haben wir keine Jusstudiumsabbrecher im Team. Also musste doch ein Anwalt her, der sich unser AGB-Monster vornimmt.

Und von denen soll es in Zürich Gerüchten zufolge etwa zwei bis drei geben, aber nur einen, der seit August 2008 auf Twitter ist, sich bei den leider kollabierten Zürcher CreativeMornings engagierte und darüber hinaus auch noch (digitales) Change Management lebt (etwa im Streifganggespräch mit Dani Frei zum Thema “Postheroische Führung”): Balthasar Wicki.

Sein ernüchterndes, aber gleichzeitig erleichterndes Fazit aus dieser Feedbackschlaufe lautete: AGBs stammen aus einer Zeit, in der Geschäfte noch klarer getrennt zwischen Beratung im Auftragsrecht und Umsetzung als Werkvertrag abliefen. Sie lösen keine Probleme – insbesondere nicht diejenigen von Beratern und Dienstleistern im Digitalbereich – sie schaffen vielmehr weitere. Das verwinkelte Juristendeutsch, unendlich viel Kleingedrucktes in heller Schrift auf der Rückseite und die wuchtigen Paragraphen mögen vielleicht für juristische Laien imposant wirken. Für Anwälte sind AGBs jedoch ein gefundenes Fressen zur Auffettung simpler Mandate und vor Gericht haben Klauseln, die Ausnahmen regulieren wollen, wenig Bestand. Denn jegliche Vertragsverhältnisse sind im Schweizerischen Obligationenrecht (OR) geregelt. Wer ernsthafte Bestimmungen zwischen Auftraggeber und Kunde festhalten und sich im Schadensfall schützen will, kommt um konkrete Verträge mit deklarierten Konventionalstrafen nicht herum, da es um den bezifferten Nachweis eines Schadens geht: Wie hoch war nochmal der Wert für eine geklaute und leicht angepasste Idee aus einem Pitch? Abgeworbene Mitarbeiter, die plötzlich beim Kunden auftauchen? Die Chefetage hat auf einmal die halbe Kampagne abgesagt? Eben.

Kurz: AGBs sind juristisch ziemlich zahn- und damit wertlose Papiertiger und sollen einschüchternd wirken. Und wer will das schon in einem Geschäftsfeld, in dem es um Vertrauen und langfristige, nachhaltige Projekte geht? Noch dazu von einer Agentur neuen Zuschnitts, die sich gelebter Transparenz verschrieben hat? Wir nicht.

Was Hofrat Suess aber bereits macht: Wir ergänzen unsere Verträge um leistungsspezifische Zusätze, besondere Bestimmungen oder zusätzliche Kosten. Wir werden in unseren Auftragsbestätigungen eine einfach, klare Sprache pflegen - schönes Deutsch, ohne Schachtelsätze und Passivkonstruktionen: Wir sind keine Hobbyjuristen, sondern Digitalexperten. Wir werden erwartbare Konfliktszenarien und deren Folgen von nun an direkt im individuellen Kundenvertrag aufführen und im wechselweisen Einverständnis mit Vertragsstrafen belegen, ohne dass wir dabei auf externe Dokumente und seitenweise Kleingedrucktes verweisen. Wir dokumentieren und rapportieren unsere Arbeit vom Kostenvoranschlag über die Offerte, die Beratung, Umsetzung und Betreuung bis hin zur Übergabe. Das macht das Vertragsverhältnis für uns und vor allem für unsere Kunden leichter, weil wir transparent sind und verständlich bleiben. Und stolz sind auf unsere Arbeit. Und unsere Kunden. Und weil wir somit auch keine Angst mehr haben müssen, pseudolegale Texte fabrizieren zu müssen.

Wir sagen also ganz entschlossen: AGBs? Nein, danke.

(Featured image CC BY 2.0 ctsnow via Flickr: Stadtrecht von Gortyn, Kreta)