Die Second-Screen-Experience - digitaler Mehrwert und mobile Medien - Teil 1

Die Second-Screen-Experience - digitaler Mehrwert und mobile Medien - Teil 1

geschrieben von hofrat

Die Second-Screen-Experience oder das Spiel mit Emotionen und Engagement - ein Thema, das uns bei Hofrat Suess seit unserer Gründung bewegt. Grund genug für eine ausführliche Artikel-Serie zu diesem Thema. In drei Teilen befassen wir uns mit der Bedeutung, den Einsatzgebieten und erfolgreichen Best Cases sowie den Voraussetzungen (Social Media und Mobile) sowie einem integralen Lösungsansatz. Abschliessend diskutieren wir anhand eines Real-Life-Checks Chancen und Risiken und bieten eine ausführliche Linkliste und Leseempfehlungen.

Was bedeutet Second Screen?

Unter dem Second Screen versteht man in erster Linie die Nutzung eines Smartphones oder Tablets parallel zum laufenden TV-Programm, eben einem "zweiten Bildschirm", etwa um zusätzliche Informationen zum Programm zu erhalten oder um in Interaktion mit der Community zu treten, was oft auch mit dem Begriff “Social TV” umschrieben wird.

Second Screen ist die Brücke über den Medienbruch zwischen TV und Digital

Der Second Screen ist eine Brücke über den Medienbruch zwischen dem alten TV und der gar nicht mehr neuen digitalen Welt. Den Fernsehstationen stehen zum One-Way-Broadcasting ihrer Programme reale Chancen zur Verfügung, Mehrwert und dadurch wiederum mehr Aufmerksamkeit, Sympathie, Reichweite und schlussendlich Erfolg zu generieren. Dasselbe ist für die bislang passiven Zuschauer ebenso möglich: Einfluss zu nehmen auf das Programm sowie durch den Austausch innerhalb der Community sowohl für sich als auch für das Programm und schliesslich auch für den Sender faktischen Mehrwert zu erreichen.

Schweiz als Vorreiter: JOIZ

Die Schweiz nimmt in dieser Hinsicht mit dem Jugendsender Joiz eine herausragende Vorreiterrolle ein: Joiz ist in Zürich-Oerlikon seit März 2011 on air bzw. seit August 2013 auch in Berlin mit eigenem Team, ist ein interaktiver Fernseh-Sender für 15 bis 34-jährige Jugendliche und junge Erwachsene und versteht sich als neues Fernsehen, das Web- und Mobile-Formate mit Social Media verküpft: keine Sender/Empfänger-Welt des Broadcastings mehr, sondern transmediales Storytelling, Gamification und echte Interaktion auf Augenhöhe.

Darüber hinaus ist der Second Screen auf dem eigenen Smartphone auch Teil der so genannten “Augmented Reality”, wenn sich zeitgleich zu einem Erlebnis in der realen Welt eine oft ebenso intensive zusätzliche Erfahrungen via Smartphone oder Tablet erzeugen lassen.

Allgemeiner formuliert bedeutet die “Second Screen Experience” einen digitalen Mehrwert durch ein mobiles Endgerät zusätzlich zu einer live erlebten Situation, sei dies nun auf einem First Screen (dem TV) oder allgemeiner, einem Ereignis im “realen Leben”.

Second Screen im Einsatz: Sport, Entertainment, Politik

Insbesondere im TV ist seit der Verbreitung von Smartphones als Massengerät in den erwartbaren Märkten wie den USA und UK, aber auch in Europa und insbesondere in der technisch hochentwickleten Schweiz der Second Screen zu einer Art Innovationsangebot geworden.

TV-Broadcaster gewinnen verlorene Zielgruppen durch Social Media zurück

Die Chance: Zielgruppen, die längst für klassische TV-Broadcaster verloren waren, werden nun erreicht - einerseits neu, andererseits auch wieder - durch die interaktive Ansprache und die beabsichtigte Beteiligung der Audience am laufenden Programm, und zwar ernsthaft und auf Augenhöhe.

Dass der Second Screen ein durchaus gangbarer Weg ist, seine bestehenden Zielgruppen, Kunden und Interessenten zu packen und langfristig zu binden, beweisen einige Projekte, die diese Second-Screen-Experience anwenden und mit mehr oder weniger Verständnis für die tatsächlichen Bedürfnisse und Anforderungen auch umsetzen.

1. Sport

Ski-WM Schladming 2013: Die Organisatoren zeigten, wie man bei einem Grossereignis im Sportbereich seinen Fans Mehrwert bietet. Die ORF-Second-Screen-App zur alpinen Ski-WM 2013 in Schladming bot umfassende Live-Berichterstattung zu den Rennen, den WM-Stars und interessante Hintergrundinformationen – leider jedoch nur One-Way, sprich ohne Interaktionsmöglichkeiten.

Dokumentation: http://sport.orf.at/skiwm2013/stories/app

Second Screen SRF-Sport: Das SRF versorgt die Community während Fussball-Spielen der obersten Liga mit Videos der entscheidenden Szenen, einem Liveticker, bindet Tweets ein und schafft so Möglichkeiten zur Interaktion. Schade: Für den grössten Teil der Zeit bleiben die Chancen quasi ungenutzt, zudem sind die “echten” Fans wohl selten auf den Seiten von SRF als eher auf denen ihrer Clubs und Vereine.

Link: http://secondscreen.srf.ch/

2. Entertainment

Tatort Plus: Wenn sich Twitter-Deutschland Sonntag Abend, 20.15 Uhr vor dem Fernseher versammelt, läuft der Tatort: Die 1970 gestartete Fernseh-Kriminalreihe der ARD, des ORF und des SRF ist die am längsten laufende und beliebteste Krimireihe im deutschen Sprachraum. Dass man als Schweizer Zuseher selbstverstänlich nicht um die 7-8 Mintuten Vorsprung durch die SRF-Ausstrahlung spoilert, gilt als Common Sense, ebenso das spassige gemeinsame Mörderraten oder die Suche nach Regie- wie Dialekt- und Übersetzungsfehlern.

Die Ludwigshafener Folge “Der Wald steht schwarz und schweiget" vom 13. Mai 2013 wurde zum crossmedialen Storytelling-Ereignis und damit zur perfekten Second-Screen-Experience zwischen Emotionen und Engagement: Der Tatort blieb seinem Publikum nämlich die Identität des Mörders schuldig! Diesen galt es nach der Erstausstrahlung via Internet unter dem Namen Tatort+, einem Point-and-Click-Adventure, herauszufinden. Die User sichteten Beweise, werteten diese aus und konnten so die Identität des Mörders klären.

Links: http://plus.tatort.de/ bzw. http://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/specials/tatort-plus-100.html

SRF-Castingshow ‚The Voice of Switzerland‘
: Nicht nur auf der mobilen Version der responsiven Website konnte man u.a. live mittwittern, -facebooken und kommentieren und sehen, was anderen Zuseher und Fans schreiben sowie alle offiziellem Postings und Infos. Zusätzlich konnte man sogar während der Songs live Votings abgeben. Kritisch in diesem Zusammenhang: Die Sendungen der Vorentscheide waren aufgezeichnet und zB Votings a la “Wie gefällt dir dieser Song?” hatten keinerlei Auswirkungen auf die Show. Ein echtes Problem im Broadcasting-Denken: Wo bleibt das Ernst-Nehmen der Zuschauer auf Augenhöhe?

Link: http://thevoice.srf.ch/

3. Politik

CNN TweetoftheUnion: CNN und Obamas Rede an die Nation (State of the Union Address) vom Februar 2013: Vor allem Twitter als Echtzeit-Medium mit sehr niederschwelligem Mitmach-Level manifestiert sich über alle Bereiche der Interaktion als zentrales Element des Second Screens. So hat CNN anlässlich Obamas letzter Rede an die Nation einen zusätzlichen Live-Feed direkt in das gebroadcastete Bild integriert sowie zeitgleich die Inhalte des Second Screen kuratiert, also für den First Screen mit aufbereitet.

Link: http://CNN.com/tweetoftheunion

ZDF DEbatte, ARD Dreikampf: Für die deutsche Bundestagswahl 2013 stehen sowohl vom ZDF als auch von der ARD zwei gelungene Second-Screen-Formate zur Verfügung, die den Fokus auf Emotionen und Engagement deutlich belegen: Die ZDF DEbatte und der ARD Dreikampf. Beide Formate bieten auf ihren Websites neben einem ohne Einschränkung verfügbaren Livestream die gesamte Bandbreite von Social als Ergänzung und nehmen live Bezug auf die Geschehnisse im Social Web. Augenhöhe, Transparenz und Interaktion state of the art!

Links: http://debatte.zdf.de/ und http://dreikampf.live.tagesschau.de/

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In zwei weiteren Beiträgen zur Second Screen Experience und dem digitalen Mehrwert und mobile Medien beschäftigen wir uns mit der den Voraussetzungen, nämlich einem zeitgenässen und aktuellen Verständnis und der Anwendung von Social Media und Mobile, und wir stellen einen integralen Lösungsansatz vor. Im dritten Teil bieten wir einen Real-Life-Check sowie ein paar Gedanken zu Chancen und Risiken, gefolgt von einer ausführlichen Linkliste und weiteren Leseempfehlungen.